Binge Eating - Was ist denn das?

Die Binge-Eating-Disorder (kurz: BED) ist eine Essstörung, bei der es zu wiederholten Episoden von Essanfällen kommt. Die Betroffenen sind in der Regel junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 30 Jahren oder Menschen im mittleren Alter zwischen 45 und 55 Jahren. Sehr häufig leiden die Betroffenen aufgrund der unkontrollierten Essanfälle an Übergewicht oder Adipositas. Von Übergewicht spricht man, wenn der Body-Mass-Index (BMI), also das Gewicht-Größe-Verhältnis einer Person, zwischen 25 und 30 liegt (BMI = 25 - 30 kg/m²); und von Adipositas spricht man bei einem deutlich sichtbaren Übergewicht oder auch bei Fettleibigkeit einer Person (BMI > 30 kg/m²)*.

Charakteristisch für eine Binge-Eating-Störung ist, laut DSM-5 (Buch für medizinische Diagnosekriterien):

  • das Essen einer deutlich größeren Nahrungsmenge innerhalb einer bestimmten Zeitspanne (z. B. innerhalb von 2 Stunden), als es die meisten Menschen unter ähnlichen Bedingungen tun würden;
  • der Kontrollvertlust über das Essen während des Essanfalls.

Zu den unkontrollierten Essanfällen, die an mindestens einem Tag in der Woche stattfinden, gesellen sich noch typische Symptome wie beispielsweise das sehr schnelle Verzehren der Nahrung, also regelrechtes verschlingen großer Nahrungsmengen in nur kurzer Zeit, hinzu. Dabei haben die meisten Betroffenen nicht einmal ein Hungergefühl. Es wird trotzdem bis zum schmerzhaften Vollegefühl weitergegessen, was noch einmal den Kontrollverlust eines an einer Binge-Eating-Störung Leidenden unterstreicht. Dass im Anschluss an das exzessive Essverhalten solche Gefühle wie Ekel, Depremiertheit oder Schuldgefühle aufkommen, ist gut nachvollziehbar.

Worin unterscheidet sich die Binge-Eating-Störung nun aber von den anderen Essstörungen, die man kennt? Beispielsweise der Magersucht (Anorexia Nervosa), der Ess-Brech-Sucht (Bulimia Nervosa) oder der Adipositas?

Bei an Magersucht leidenden Menschen handelt es sich meistens um sehr junge Menschen, davon überwiegend junge Mädchen in der Pubertät, die nur selten an "Fressanfällen" leiden, sondern ein striktes Essverhalten an den Tag legen, besser gesagt ein striktes Diätverhalten mit kompensatorischen Verhaltensweisen. Um schlank zu sein, fasten die Betroffenen, erbrechen sich, nehmen Abführmittel ein oder treiben neben einer strengen Diät zusätzlich exzessiv Sport. Von Magersucht redet man dann ab dem besorgniserregendem BMI-Wert unter 17,5 (BMI < 17,5 kg/m²). Zum Vergleich: der Body-Mass- Index bei einer normalgewichtigen Person liegt zwischen 18,5 und 25 (BMI = 18,5 - 25 kg/m²). Etwa 10 bis 15 Prozent der an Magersucht erkrankten, meist sehr jungen Menschen, sterben sogar an dieser Essstörung.

Bei der Bulimie beschäftigen sich die Betroffenen, genauso wie Magersüchtige auch, eher mit dem Diätgedanken. Sie kennen zwar auch (in der Regel) unkontrollierte Essanfälle wie es beim Binge-Eating typisch ist, haben aber eigenltich eher Angst vor dem Essen und dem Dickwerden. So kommt es bei Bulimikern häufig vor, dass nach einer "Heißhungerattacke" absichtlich erbrochen wird, um die Kalorien quasi nicht an den Körper heranzulassen. Auch aus diesem Grund haben Bulimiker in der Regel einen kleineren BMI-Wert als Binge-Eater, das heißt Bulimiker leiden im Vergleich zu ihnen seltener an Übergewicht. Bei den an Binge-Eating Betroffenen ist ein kompensatorisches Verhalten, also eine Gegenmaßnahme zum Dickwerden, bis auf normale Diäten, eher untypisch, das heißt, dass ein absichtliches Erbrechen nach dem "Fressanfall", die Einnahme von Abführmitteln oder ein ausgedehntes Sportprogramm, um die Kalorien wieder loszuwerden, in der Regel nicht stattfindet. Dafür schleichen sich nach dem Essanfall negative Gefühle wie Scham und Ekel in den Vordergrund.

Die Adipositas ist lediglich ein Hinweis auf ein zu hohes Gewicht in Relation zur Größe einer Person und beschreibt keine eigene Essstörung. Viele Binge-Eater leiden zwar an Adipositas, also einem deutlichen Übergewicht, aber nicht alle an Adipositas Leidenden sind auch Binge-Eater. Binge-Eating ist tatsächlich, genauso wie die Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa, eine anerkannte psychische Störung. Neben den körperlichen Begleiterscheinungen von Übergewicht, wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie Gelenkschädigungen und eine schlechte Kondition kommen noch die Leiden auf psychischer Ebene hinzu. Aus Scham und dem meist geringem Selbstwertgefühl, gesellen sich zur Binge-Eating-Störung oftmals Begleiterkrankungen wie beispielsweise Depression, erhöhter Alkoholkonsum oder Angstzustände hinzu. Mit diesen Erkrankungen ist es schwierig, den beruflichen Verpflichtungen langfristig zuverlässig nachzukommen - eine Tatsache, die letztendlich die finanzielle Existenz bedrohen kann!

Bei sehr vielen Personen, die an Binge-Eating leiden, hat sich durch falsche Ernährung und wenig Bewegung das Übergewicht schon in der Kindheit entwickelt. Ausschlagebend für diese Entwicklung können eine falsche Vorbildfunktion der Bezugspersonen gewesen sein oder es spielten negative Ereignisse im Leben der Betroffenen eine Rolle, die nicht, oder durch essen, verarbeitet worden sind. Als junge Erwachsene leiden sie dann besonders unter dem zu hohen Gewicht. Das Unbehagen mit dem Übergewicht, das geringe Selbstwertgefühl und die Tendenz zur Außenseiterrolle, begünstigen das unkontrollierte "Frustessen". Die Betroffenen igeln sich dann oftmals aus Scham vor dem unkontrollierten Essverhalten und der massigen Körperfülle Zuhause ein, weshalb sie nur wenige soziale Kontakte haben, sofern sie diese nicht ganz meiden.

Prinzipiell müssen Binge-Eater lernen, wie man sich gesund ernährt und wie wichtig sportliche Betätigung, bzw. Bewegung im Allgemeinen ist. Es geht bei der gesunden, regelmäßigen Ernährung und dem Sport nicht nur um die Gewichtsreduktion an sich, sondern es sind auch grundlegende wichtige Faktoren für ein gutes und gesundes Körpergefühl sowie für eine ausgeglichene Psyche. Gesunde Ernährung und das Trinken von Wasser ist für alle Prozesse im Körper maßgebend. Vitamine & Co steuern quasi alles in uns und erhalten uns somit am Leben. Für die Qualität des Lebens eines Einzelnen spielt gesunde Ernährung erwiesenermaßen eine immense Rolle.

Das negative Selbstbild und Körpergefühl können durch einen Wechsel zu einer gesunden Lebensweise schrittweise wieder aufgebaut werden und an Qualität gewinnen. Ebenso, wenn nicht sogar am Wichtigsten, ist das Erlenen einer neuen Strategie zur Stressbewältigung. Denn oftmals ist Stress der Auslöser für Essanfälle, da das Essen kurzzeitig entspannend auf den Menschen wirken kann. Von diversen negativen Emotionen wie Wut, Trauer, Freudlosigkeit, wird kurzzeitig durch das Essen abgelenkt und das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, man fühlt sich gut und entspannt. Aber eben nur kurzzeitig. Recht schnell folgen auf den Essanfall dann die schon erwähnten schlechten Gefühle, wie Scham und Ekel vor sich selbst.

Die Betroffenen sollten lernen, sich ein kontrolliertes Essverhalten anzutrainieren, damit die unkontrollierten Essanfälle ein Ende nehmen und der Vergangenheit angehören. Bewegung und Entspannungsmethoden unterstützen dabei den Weg zur andauernden Verhaltensänderung. Es ist gut zu wissen, dass jedes ungesunde erlernte Verhalten (unkontrollierte Essanfälle) auch wieder rückgängig gemacht werden kann. Alleine diese Tatsache sollte Mut machen, (wieder) die Kontrolle über Qualität und Quantität der Ernährung zu übernehmen!

Bei einer Binge-Eating-Störung ist, abhängig von der Schwere der Erkrankung, entweder eine stationäre oder ambulante Behandlung anzuraten. Bitte vertrauen Sie sich einer Ärztin / einem Arzt an, die / der weitere Schritte einleiten kann, wenn Sie glauben, an einer Binge-Eating-Störung zu leiden . Eine psychotherapeutische Betreuung während und nach der Behandlung ist sehr wichtig, um eine Genesung von Körper und Psyche sowie ein andauerndes neues Essverhalten zu gewährleisten.

*So berechnen Sie Ihren eigenen BMI-Wert aus: Körpergewicht in kg geteilt durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat (BMI = kg/m²). Es handelt sich beim Body-Mass-Index um Richtwerte für die Einschätzung von Untergewicht, Normalgewicht und Übergewicht. Im Internet gibt es auch Rechner zur Berechnung, in welchem Bereich Ihr BMI-Wert liegt, mit einer entsprechenden Auswertung.

© Text. Autor: Sandra Ernst – Vervielfältigung und Weitergabe untersagt.

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