Waldbaden - Ein neuer Trend?

Das ist schon niedlich! Eigentlich habe ich zum Thema Wald genügend Fotos in meinem eigenen Repertoire, da ich selten beim Waldspaziergang kein Foto mache. Manchmal bleibe ich sogar alle paar Meter stehen, weil ich denke, dass dieses Motiv mir einfach nicht fehlen darf. Zugegeben - für manchen ist es einfach der zehnte Baum, den ich da fotografiere, aber für meine Augen der Betrachtung ist es der erste Baum, der so aussieht, wie er aussieht und eben nicht wie die anderen Bäume. Was ist nun aber niedlich? Ich dachte mir vor Beginn des Schreibens, schaue trotzdem einmal in den Fotodatenbanken im Internet nach, vielleicht kann ich für diesen Artikel ein besonders schönes Foto kaufen, mit einem Motiv, das ich nicht habe. Was mir nach der Eingabe des Suchbegriffes Waldbaden dann als Ergebnis angezeigt wurde, versetzte mir ein leichtes Schmunzeln ins Gesicht und ich dachte eben diese Worte: „Das ist schon niedlich!" Auf der ersten Seite mit den besten Treffern zum Suchbegriff waren durchweg Badewannen im Wald zu sehen und darin eine badende Frau oder ein badender Mann. Witzig, dachte ich, aber warum eigentlich nicht!? Mit dem Begriff Waldbaden ist zwar nicht das Baden in einer im Wald befindlichen Badewanne gemeint, jedoch ist es, mit einem Augenzwinkern betrachtet, auch nicht ganz auszuschließen.

Mit Waldbaden ist schlichtweg ein angenehmer Aufenthalt im Wald gemeint, der mit möglichst allen unserer fünf Sinne wahrgenommen wird und somit zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Sozusagen ein Wellnessprogramm für die Seele, nicht wie üblich am Wochenende im Hotel, sondern im Wald - und unabhängig vom Wochenende oder der Urlaubszeit - für die meisten von uns jederzeit möglich. Das Abtauchen mit allen seinen Sinnen in den Wald, ist also das Waldbaden. Oder, präziser formuliert, bzw. aus dem Japanischen (Waldbaden = Shinrin-yoku) häufig übersetzt, wird es mit dem „Einatmen der Waldatmosphäre." In Japan ist Shinrin-yoku seit 1982 eine anerkannte Methode „zur Vorbeugung von Krankheiten sowie zu deren unterstützenden Behandlung." (Clemens G. Arvay, Der Biophilia-Effekt).

Viele Naturliebhaber können sich, selbst wenn sie diesen Begriff des Waldbadens noch nie gehört haben, sofort einen Reim darauf machen, weil sie instinktiv schon lange zu den Menschen gehören, die mit allen ihren Sinnen in die Atmosphäre der Natur abtauchen und um den wohltuenden Effekt für die psychische wie auch physische Gesundheit wissen. Und mal ehrlich! Wer kennt sie nicht, die idyllischen Sinneseindrücke des Waldes? Der Geruch von feuchtem Waldboden, das Geräusch des Laubes unter den Schuhen, die angenehme Luft auf der Haut, der Geschmack von Bucheckern oder Beeren und der wunderschöne Anblick der Natur, egal zu welcher Jahreszeit. Alle diese Sinneseindrücke dürften die meisten von uns schon einmal gemacht haben und beim Lesen des Artikels wieder in Erinnerung rufen können. Es handelt sich beim Waldbaden demnach nicht um einen neuen Trend, sondern um ein relativ neues Wort, für das, was unsere Großeltern, Eltern und wir selbst schon lange kennen. Der eine macht es öfter, der andere seltener. Vielleicht gibt es sogar wirklich Menschen, die noch nie im Wald gewesen sind, vielleicht aus Angst, Desinteresse oder fehlender Mobilität. Für die meisten von uns gilt aber, dass wir ruhig öfter in den Wald gehen und ihn intensiver wahrnehmen könnten.

Beim Waldbaden ist es wichtig, dass man sich keiner Hast oder Druck aussetzt. Und das war eigentlich schon die wichtigste Spielregel, die man kennen muss. Es geht um die aktive Erholung im Wald, die jeder nach seiner Façon selbst gestalten kann. Voraussetzung ist, dass man während des Spaziergangs durch den Wald, bewusst seine fünf Sinne einschaltet und hineinspürt, was man fühlt, sieht, riecht, hört, tastet und schmeckt, also offen und aufmerksam dafür ist, was der Wald einen zu sagen hat. Besonders beliebt beim Waldbaden ist das Umarmen eines Baumes, um den Baum während dieser Umarmung zu spüren und gleichzeitig seine Wertschätzung ihm gegenüber zu zeigen. Diese Übung ist sehr schön, muss aber bei Unbehagen der Sache gegenüber nicht durchgeführt werden. Es gibt kein Programm und es gibt kein Muss!

Pflanzen sind Lebewesen, die im Allgemeinen sehr unterschätzt werden. Welche Heilkraft von den Bäumen und den im Wald lebenden Pflanzen jedoch auf den Menschen ausgestrahlt wird, ist sehr beeindruckend und faszinierend. Allein die Tatsache, dass sie für unsere Sauerstoffversorgung, also dem Grundstoff für das menschliche Leben, existenziell von Bedeutung sind, wird von uns Menschen in der Regel wie selbstverständlich hingenommen. Der Sauerstoff ist wichtig für das Atmen, unsere Konzentration und für die Entspannung. Wissenschaftlich erwiesen ist zudem, dass die Stärkung des Immunsystems, durch einen prägnanten Anstieg an Killerzellen und Antikrebsproteinen im Blut, schon nach nur einem Waldbad zunimmt. Sehr interessant ist auch das Untersuchungsergebnis von Roger S. Ulrich, einem US-Wissenschaftler, das kranke Menschen in der Anwesenheit von Pflanzen schneller genesen und weniger Schmerzen empfinden. Angeblich reicht sogar eine Tapete aus, die mit Bäumen bedruckt ist und auf die man vom Krankenbett aus schauen kann, um diesen positiven Effekt zu erzielen.

Gehen Sie für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden deshalb so oft es geht in der Natur spazieren und genießen Sie diesen Spaziergang mit allen Ihren Sinnen. Und wer noch zufällig seine Badewanne dabei hat, der kann selbstverständlich auch dieses Bad im Wald genießen.

© Text. Autor: Sandra Ernst – Vervielfältigung und Weitergabe untersagt.

Foto: Sandra Ernst

Buchtipp: Clemens G. Arvay, Der Biophilia-Effekt und Peter Wohlleben, Das geheime Band zwischen Mensch und Natur.